„Kannst du das noch schnell übernehmen?“ – „Ja klar, passt schon.“
Dabei ist es schon spät. Der eigene Tag war voll, der Schreibtisch im gefühlten Chaos und im Kopf rattert bereits die To-Do-Liste für morgen. Aber die Antwort kommt automatisch und zu schnell, als man überhaupt denken kann.
Ich kenne diesen Satz gut. Manchmal sage ich ihn aus Freundlichkeit. Manchmal, weil ich keine Diskussion anfangen will. Und manchmal, weil ich erst zehn Minuten später merke, dass es für mich eben nicht passt. Und manchmal passt es einfach nicht.
Aber „Passt schon“ ist praktisch. Es beruhigt die Person, die gefragt hat und verschiebt das unangenehme Gespräch auf später. Nur findet es später oft gar nicht statt. Stattdessen erledigen wir die Aufgabe, ärgern uns darüber und spielen beim nächsten Mal wieder mit. Von außen sieht das nach Hilfsbereitschaft aus. Innenerlich macht sich meist ein Gefühl von Wut, Ärger, Entäuschung und Hilflosigkeit breit.
Mir ist schon klar, dass nicht jede kleine Zumutung ausverhandelt werden muss. Man kann jemandem einen Gefallen tun, obwohl man müde ist. Man kann auch großzügig sein, ohne jedes Mal eine Gegenleistung zu erwarten. Schwierig wird es, wenn das schnelle „Ja“ zur Gewohnheit wird und das eigene „Nein“ darin keinen Platz mehr hat.
Aus meiner Arbeit
In meiner Praxisarbeit begegnet mir immer wieder die Frage, wie man Grenzen setzen kann, ohne andere zu enttäuschen. Ich finde schon die Erwartung dahinter bemerkenswert. Woher sollen die anderen wissen, was uns zu viel ist, wenn wir ihnen zuverlässig das Gegenteil sagen? Und warum halten wir eine kurze Enttäuschung oft für schwerer erträglich als den eigenen dauernden Ärger?
Vielleicht, weil ein ehrliches „Heute nicht“ einen Moment lang im Raum steht. Man sieht das Gesicht des Gegenübers. Man muss aushalten, dass die Antwort oft nicht gefällt. „Passt schon“ ist da viel bequemer – jedenfalls für diesen einen Moment.
Aber wer immer passend antwortet, wird irgendwann passend eingeplant. Man ist dann wortwörtlich „angepasst“. Noch eine Aufgabe. Noch ein Termin. Noch eine Bitte, die doch wirklich nicht lange dauert. Jedes einzelne „Ja“ ist vielleicht nicht so tragisch, doch am Ende des Tages, am Ende der Woche, am Ende des Jahres ergibt sich die Summe eines geballten Gefühls von Unzufriedenheit.
Und jetzt kommt das Umlernen
Ich übe gerne einen Satz, der mir eine kurze Pause ermöglicht: „Ich muss kurz überlegen.“ oder „Kann ich mich später bei dir melden.“ Er ist weder ein „Ja“ noch ein „Nein“. Er verschafft mehr Zeit, mehr Raum zum Nachdenken, um herauszufinden, was ich wirklich will und was ich dann ehrlich auch antworten möchte. Im Coaching nenne ich das gerne eine „gesunde Abgrenzung“ oder ein „gesunder Egoismus“.
Und manchmal sage ich danach dann „Ja“. Und manchmal sage ich auch: „Sorry, heute geht es mir nicht.“
Anfangs fühlt sich das nicht immer angenehm an. Mit der Zeit stärkte es mein Selbstbewusstein, meinen Selbstwert, die innere Klarheit und meine Zufriedenheit.
Ich wünsch dir viel Mut in der Umsetzung,
deine Nicole : )

